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Verdrängte Wahrheit und Opfermythos

Verantwortlicher Autor: Sharon Oppenheimer Haifa, 02.05.2026, 09:39 Uhr
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Haifa, Kingsway ungefähr 1936
Haifa, Kingsway ungefähr 1936  Bild: Sharon Oppenheimer

Haifa [ENA] Im April 1948 erklärte die arabische Führung von Haifa, dass sie die Stadt und ihre arabischen Bewohner evakuieren wollen: nicht, dass jemand sie gezwungen hatte, nicht aus unmittelbarer militärischer oder existenzieller Not, sondern als eine bewusste politische Entscheidung.

Die Reaktionen der jüdischen und britischen Verantwortlichen waren eindeutig: Der jüdische Bürgermeister Shabtai Levy flehte die arabischen Vertreter unter Tränen an, zu bleiben. Der britische Militärkommandeur warnte, ein Abzug wäre ein schwerer Fehler. Die Haganah sicherte jedem Araber, der in Haifa blieb, volle Sicherheit, Gleichberechtigung und Bürgerrechte zu. Trotzdem ordnete das Arabische Höhere Komitee in Beirut die Evakuierung an.

Noch bevor es zu größeren Kämpfen in Haifa kam, hatten bereits Tausende arabischer Bewohner die Stadt verlassen. Die meisten ihrer Viertel waren zu diesem Zeitpunkt nicht einmal Kampfzonen. Entscheidend war etwas anderes: Die arabische Führung Verwaltungsbeamte, Offiziere, Richter hatte die Stadt frühzeitig verlassen. Der britische Hochkommissar Sir Alan Cunningham beschrieb diesen Führungsabgang in einem Telegramm vom 26. April als den wahrscheinlich wichtigsten Faktor für den Zusammenbruch der arabischen Moral. Wenn die Spitze geht, folgt die Bevölkerung.

Am 22. April fand im Rathaus eine entscheidende Sitzung statt. Die jüdische Seite bot einen Waffenstillstand an, der Sicherheit und volle Bürgerrechte für alle verbleibenden Araber garantierte. Levy nannte eine Evakuierung ein „grausames Verbrechen“ an der eigenen Bevölkerung. Auch die britische Seite drängte auf ein Bleiben. Doch die Entscheidung aus Beirut blieb: Abzug. Zeitgenössische arabische Stimmen bestätigen später, was damals geschah. "The Economist" schrieb im Oktober 1948, die Flucht sei vor allem auf Anweisungen des Higher Arab Executive zurückzuführen; Araber, die blieben, seien von ihrer eigenen Führung als Verräter bezeichnet worden.

„Time Magazine“ berichtete im Mai 1948, arabische Funktionäre hätten gehofft, durch den Abzug arabischer Arbeiter die Stadt wirtschaftlich zu lähmen. Emile Ghoury, Sekretär des Arabischen Höheren Komitees, erklärte im September 1948, die arabischen Staaten hätten gemeinsam die Politik beschlossen, die die Flüchtlingsfrage erst erzeugt habe. Die jordanische Zeitung "Falastin" schrieb im Februar 1949, arabische Regierungen hätten die Palästinenser zum vorübergehenden Weggang ermutigt, um den Armeen den Weg freizumachen und sie anschließend nicht bei der Rückkehr unterstützt.

Monsignore George Hakim, der griechisch‑katholische Bischof von Galiläa, sagte 1949 der "New York Herald Tribune", die Araber von Haifa seien geflohen, obwohl die jüdischen Behörden ihre Sicherheit und Bürgerrechte zugesichert hatten. Diese Aussagen stammen nicht aus israelischen Quellen. Es sind zeitgenössische arabische Politiker, Beamte und Zeitungen und sie zeichnen ein konsistentes Bild der Ereignisse von 1948.

Der Begriff Nakba tauchte erstmals im August 1948 auf. Geprägt wurde er von dem syrischen Historiker Constantin Zureiq, Professor an der American University of Beirut. Für ihn bezeichnete die „Katastrophe“ nicht das Schicksal der Palästinenser, sondern das Scheitern von sieben arabischen Armeen, die den neu gegründeten Staat Israel militärisch nicht besiegen konnten. Zureiq schrieb, sieben arabische Staaten hätten den Krieg erklärt, seien jedoch machtlos stehen geblieben und schließlich umgekehrt. Er sprach von arabischen Führern, deren Worte wie Bomben klangen, deren Bomben jedoch leer waren und niemandem schadeten. Von palästinensischen Opfern war bei ihm keine Rede.

Für Zureiq war die Nakba ein selbstverschuldeter arabischer Zusammenbruch, ein Versagen von Führung, Einheit und Entschlossenheit. Das war die ursprüngliche Bedeutung des Wortes: ein syrischer Intellektueller, der die arabischen Regierungen für einen Krieg kritisierte, den sie begonnen hatten, ohne ihn gewinnen zu können. Zwischen 1948 und den 1980er‑Jahren wurde diese Bedeutung vollständig umgekehrt. Aus einem Begriff arabischer Selbstkritik wurde ein politisches Narrativ, in dem die arabische Seite als passives Opfer erscheint und Israel als Aggressor. Die Regierungen, deren Versagen Zureiq angeprangert hatte, wurden später zu den lautesten Verfechtern des Nakba‑Diskurses als außenpolitisches Druckmittel.

Die Menschen, deren eigene Führung sie zur Evakuierung angewiesen hatte, die 1949 in Lausanne das Rückkehrangebot ablehnte und sie anschließend über Generationen in Lagern hielt, wurden zum Symbol israelischer Schuld. Azzam Pasha, der Generalsekretär der Arabischen Liga, hatte die Logik dahinter bereits 1948 offen formuliert: Die Abwesenheit von Frauen und Kindern aus Palästina, sagte er, würde die Männer zum Kämpfen freistellen. Die Zivilbevölkerung war Teil einer militärischen Kalkulation. Als der Krieg schlecht verlief und aus der Evakuierung ein Massenexodus wurde, weigerten sich dieselben Regierungen, die Palästinenser als Flüchtlinge aufzunehmen. Nützlich waren sie nur auf dem Schlachtfeld, aber nicht im eigenen Staatsgebiet.

Die britischen Telegramme existieren bis heute. Die arabischen Zeitungsberichte existieren bis heute. Die Aussagen arabischer Politiker existieren bis heute, sowie Constantin Zureiqs ursprüngliche Definition der Nakba existiert bis heute. Nur ist sie kein Teil der Geschichte mehr, die erzählt wird.

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