65 Tafeln, 132 Helden und 358 Stufen und Marmor
Donaustauf [SiSt24] Einen Ruhmestempel besucht man nicht alle Tage. Aber wenn man dazu die Landesgrenzen nicht verlassen muss?! Die Walhalla bei Donaustauf, hoch über dem nördlichen Donauufer gelegen, ist genau das: ein Ort, der nicht einfach besichtigt wird, sondern der sich Zeit nimmt. Ob man will oder nicht.
Das Gebäude braucht keine Einleitung, aber ein paar Fakten schaden nicht. König Ludwig I. ließ den Bau zwischen 1830 und 1842 von Leo von Klenze errichten, dem Architekten, den Bayern so ziemlich allem verdankt was dort nach Antike aussieht. Das Ergebnis ist ein dorischer Tempel, der dem Parthenon ähnelt und das auch weiß. 358 Stufen führen vom Donauufer hinauf zur Eingangsterrasse. Eine Zahl, die sich beim Aufstieg geometrisch anfühlt und beim Abstieg gnädiger wirkt als erwartet. Oben angekommen wartet zuerst der Westgiebel.
Wer einmal um das Gebäude herumgeht, findet Arminius. Der Cheruskerfürst, Sieger der Varusschlacht im Jahr 9 nach Christus, ist nicht am Haupteingang platziert, sondern auf der Rückseite des Tempels. Ob das Bescheidenheit war oder Kalkül, lässt sich nicht mehr klären. Drei Legionen vernichtete er im Teutoburger Wald, ohne sich dabei groß zu erklären. Dass er dafür auf die Rückseite verbannt wurde, sagt vielleicht mehr über die Prioritäten des 19. Jahrhunderts als über Arminius selbst.
Wer den Weg nach innen antritt, begegnet der Geschichte mit ihrer gewohnten Ironie. Heinrich der Löwe und Friedrich Barbarossa stehen hier Seite an Seite. Wer auch nur grob mit dem 12. Jahrhundert vertraut ist, weiß was das bedeutet: Heinrich verweigerte Barbarossa im entscheidenden Moment seiner Italienfeldzüge die zugesagte Heeresfolge, was zur vernichtenden Niederlage bei Legnano 1176 beitrug. Barbarossa ließ ihn dafür verbannen. Jahre der Fehde, Machtverlust, Exil und dieses "Bayern" ging an die Wittelsbacher. Im Marmor haben sie sich offenbar geeinigt. Die Walhalla hat ein schwammiges Gedächtnis für alte Rechnungen.
Weiter öffnet sich ein hoher Marmorsaal mit kassettierter Decke, die dem Raum eine Schwere gibt, die zur Stimmung passt. Hoch oben, in Wandnischen entlang des gesamten Saals, stehen 18 Schildmädchen, weiße Figuren in strenger Haltung. Darunter, auf gleichmäßigen Sockeln, über 130 Büsten, nach Epoche geordnet. Wer genauer hinschaut, merkt schnell: Die Qualität ist nicht einheitlich. Manche Büsten sind detaillierte Porträts mit individuellen Zügen, die einen ansehen als hätten sie noch etwas zu sagen. Andere wirken, als hätte der Auftraggeber das Material zwar geliefert, die Deadline aber deutlich verkürzt. Das ist keine Kritik, sondern Beobachtung. Mehr als 130 Auftragswerke über mehrere Jahrzehnte, da passiert das.
Die Idee hinter dem Raum bleibt davon unberührt. Philosophen, Feldherren, Dichter, Wissenschaftler und Komponisten stehen nebeneinander auf gleichem Sockel, kein Vorrang, keine Sonderbehandlung. Was Ludwig I. damit sagen wollte, ist unmissverständlich: Leistung zählt, Titel weniger. Für einen König des 19. Jahrhunderts ist das ein bemerkenswerter Gedanke. Dass er ihn in Marmor gegossen und auf einen Felsen über der Donau gestellt hat, macht ihn dauerhafter als die meisten Gedanken seiner Zeit.
Die Walhalla ist kein Ort, den man abhakt. Der Blick auf die Donau von der Eingangsterrasse aus erinnert daran, warum solche Orte gebaut werden. Und warum sie bleiben.




















































