Tage des Exils
Frankfurt am Main [ENA] Dr. Irina Scherbakowa ist Mitbegründerin der russischen Menschenrechtsorganisation MEMORIAL. Die Organisation erhielt 2022 den Friedensnobelpreis. Sie ist Schirmfrau der „Tage des Exils“, ein Veranstaltungsprogramm das vom 20. Aug. bis 6. Sep. 2026. in Frankfurt stattfindet.
Es folgen Auszüge aus der Eröffnungsveranstaltung am 20. August „Rede zum Exil“ mit Dr. Irina Scherbakowa und weiteren Gästen in der Deutschen Nationalbibliothek. Dr. Ina Hartwig, Stadträtin in Frankfurt, erinnert an Adornos Notizen zum Exil in den Traumprotokollen und in Minima Moralia. Viele der im Exil in den USA (1938–1949) notierten Träume verarbeiten die Nachricht vom Holocaust. Adorno litt im Traum unter massiven Schuldgefühlen gegenüber den in Deutschland zurückgebliebenen Freunden und Verwandten. Das Gefühl ist heute aktuell bei vielen im Exil lebenden Ukrainern*innen und Russen*innen.
Sven Tetzlaff, Bereichsleiter bei der Körber-Stiftung, betont, dass die Menschen, die hier in Deutschland im Exil leben, aus der Nicht-Demokratie geflohen sind. Hinter jedem stehen Lebenswege, die zur Flucht führten. Jetzt müssen sie eine neue Existenz aufbauen. Für Künstler, Schriftsteller u.a. bedeutet das, dass sie neue kreative Energie brauchen, um z.B. in der Kunst weiterhin tätig sein zu können. Die deutsche Erinnerungskultur beinhaltet die Migration von vielen verfolgten und vertriebenen Menschen. Irina Scherbakowa erinnert uns an Exil und Migration. Viele Deutsche sympathisierten mit der Sowjetunion der 30er Jahre und flohen nach 1933 nach Moskau. Unter Stalin wurden viele von ihnen verurteilt und umgebracht.
Nach den Aufständen in Ungarn und in Prag kamen Migranten nach Europa. Migration war die Erfahrung von vielen Menschen, die aus politischen Gründen ihr Land verließen. Die Erfahrungen im Exil waren für manche positiv, wie z.B. für Thomas Mann und negativ wie z.B. für Stefan Zweig (Selbstmord in Brasilien 1942). Die Aussage von Thomas Mann „Wo ich bin, ist Deutschland“, zeigt seine innere Verbundenheit zur deutschen Kultur. Er engagierte sich für seine Heimat aus den USA und rief zum Widerstand auf. Dagegen kam Stefan Zweig mit seinem Leben im Exil nicht zurecht.
Exil bedeutet den Verlust der Sprache. Im Exilland wird eine andere Sprache gesprochen, die nicht die Muttersprache ist. Für einen Schriftsteller*in ist die Sprache für die Existenzsicherung bedeutend. Im fremden Land ist die Sprache ein Hindernis. Die eigene Sprache verblasst, je weiter und länger entfernt man von der Heimat ist. Die Sprache entwickelt sich. Der im Exil lebende kann diese Entwicklungen nicht erleben. Seine Sprache verliert an Kraft und Wirkung. Irina Scherbakowa ist nun bereits viereinhalb Jahre nicht mehr in Russland. Sie kennt die Sprache der Straße in Russland nicht mehr.
Die nach Moskau migrierten Deutschen unterlagen der Anziehungskraft der sowjetischen Utopie. Die Rückkehrer berichten von den meist tödlichen Arbeitslagern. Der Archipel GULAG von Alexander Solschenizyn wurde 1973 veröffentlicht. Ein Beispiel der politischen Verfolgung ist Maxim Gorki (1868–1936). er war ein berühmter russischer Schriftsteller. Im Jahr 1928 kehrte er auf persönlichen Wunsch Stalins in die UdSSR zurück. Erst wurde er gefeiert, dann kritisiert, dann von Stalin im Jahr 1936 umgebracht. Der pro-sowjetische Kommunist Leon Feuchtwanger, der in den USA Exil fand, rechtfertigte die Säuberungen unter Stalin. Die Verbrechen von Stalin führten zu einem Bruch in der Kultur der Sowjetunion. Die Liebe zu Russland war vorbei.
Nach Stalins Tod zeigte sich, dass die russische Kultur im Ausland bewahrt wurde. In den 50er und 60er Jahre spielten die Exilanten eine bedeutende Rolle. Ein Radiosender des Westens wurde gehört. Die Veröffentlichungen von Literatur über Russland hatten eine große Resonanz. Dazu zählt das Buch Archipel GULAG von Alexander Solschenizyn. Während der Perestroika von Michail Gorbatschow und nach dem Mauerfall und dem Fall der kommunistischen Regime trat eine Phase der Freiheit ein. Ab 2022, mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, fliehen mehrere hundert Tausend Menschen aus Russland. Die Erfahrungen der deutschen Migranten nach 1933 kann uns die Situation der heutigen Exilanten näherbringen.
Die Hilfe und Unterstützung der Exilanten z.B. aus der Ukraine, sind bedeutend. Die kulturellen Traditionen sollen gefördert und bewahrt werden. Von Russland wird die russische Kultur, die Sprache und die klassische Musik benutzt, um Propaganda für das Russland von Putin zu machen. Die Sprache in Russland ist derb geworden. Fluchen ist in die Alltagssprache eingegangen. Die Tagebücher von Victor Klemperer aus der Zeit von 1933 -1945 beschreiben, wie die Sprache in Deutschland verändert wurde, um der Nazi-Propaganda zu dienen. Auch Putin definiert Begriffe wie z. B. Nazismus. neu, um diese in seinem Sinne zu benutzen.
Es gibt keine unabhängigen Medien und Verlage mehr in Russland. Putin betreibt Geschichtspolitik. Die Wahrheiten in der Geschichte werden verdreht. Er stellt die Geschichte als eine Mischung aus Mythen und Verschwörungen dar. Das ist nicht wissenschaftlich. So wird der Einmarsch in die Ukraine damit begründet, da sie keine eigene Nation sei. Die Denkmäler für Stalin werden wieder neu aufgebaut. Die Erinnerungsdenkmäler der Opfer von Stalin werden abgerissen. Die Wahrheit der Geschichte zu zeigen, ist dem Memorial wichtig. Viele Menschen auf der ganzen Welt tragen dazu bei, die tragischen Erfahrungen mit der Gewalt zu sammeln. So werden z.B. die Gefangenkleidung der ausgetauschten Häftlinge gesammelt.
Gesammelt werden Beweise von Verbrechen, Bilder, Archive, Videos und Audios. Im Exil ist es schwer, die Ängste der Menschen in der Heimat zu verstehen. Die politischen Häftlinge in Russland werden immer mehr. Die Menschen werden von Memorial nicht im Stich gelassen. Die Aufgabe des Vereins "Zukunft Memorial" in Berlin ist es, die Wahrheiten wiederherzustellen, Aufklärung zu leisten, alle Informationen zu sammeln, Ungerechtigkeiten und Kriegsverbrechen zu dokumentieren. Unter Putins Russland wurden wissenschaftliche Schulen zerstört. Das zerstörte wieder aufzubauen, wird lange dauern.
Die Aufgabe des Exils ist die Vorbereitung auf die Wiederherstellung. Es gilt die zerrissenen Pfade wieder zusammenzuführen. Russland wird sich wieder öffnen müssen. Die Immigranten werden gebraucht. Das Leitmotiv des Vereins Zukunft MEMORIAL in Berlin ist „Erinnern ist Widerstand“. Das bedeutet: Sammeln und Aufbewahren von Geschichten von Menschen, die Erfahrungen mit Gewalt gehabt haben, Dokumentieren von Verbrechen der russischen Armee in der Ukraine und den Bedingungen der politischen Gefangenen in Russland. Vom 20. August bis 6. September 2026 finden die Tage des Exils in Frankfurt am Main statt. In 50 Veranstaltungen wird sich mit dem Thema Exil auseinandergesetzt. Link zum Programm:
https://koerber-stiftung.de/projekte/tage-des-exils/tage-des-exils-frankfurt-2026/




















































