Nuklearwaffen in Frankreich
Frankfurt am Main [ENA] Nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gibt es die ersten Versuche, die Atomwaffen in eine Sicherheitsstrategie zu integrieren. Nukleare Waffen galten vorher als ein Tabuthema. Frankreich hat mit der Werbung für seine Kernwaffen ein Tabu gebrochen.
Angesichts der Möglichkeiten der Kernwaffen, die totale Vernichtung der Menschheit und der Erde herbeizuführen, ist die neuerliche Hinwendung zu Atomwaffen als Teil der Verteidigungsstrategie ein gefährliches Unterfangen. Die französische Regierung stellt nun ihre Atomwaffen als normale Instrumente der Sicherheitspolitik dar. Nach der Kubakrise wurden die Atomwaffen nach internationalem Recht geächtet und es wurde eine völlige Abschaffung der Atomwaffen weltweit angestrebt. Im Jahre 1968 wurde der Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NVV) geschlossen mit dem Ziel die Verbreitung von Kernwaffen einzudämmen und die Abrüstung zu fördern.
Im Jahre 1996 hat Frankreich seine Atomwaffen-Tests im Mururoa-Atoll nach heftigen Protesten unter Präsident Jacques Chirac eingestellt. Im Oktober 2018 wurde Frankreich vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zusammenhang mit den tödlichen Folgen seiner Atomwaffentest für die indigene Bevölkerung auf dem Mururoa-Atoll und dem Fangataufa-Atoll in Französisch-Polynesien verklagt. Das weltweite Verbot von Nukleartestexplosionen ist im CTBT (Comprehensive Nuclear-Test-Ban Treaty) vom 10. September 1996 von der UN-Generalversammlung angenommen worden. Die Ratifizierung wurde aber bis heute nicht vollständig erreicht.
Das Tabu der Atomwaffen wurde 2022 von den fünf permanenten Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates (China, Frankreich, Russland, Großbritannien, USA) ausgesprochen. Danach wurde einstimmig angenommen, dass ein Atomkrieg nicht gewonnen werden könne und niemals geführt werden dürfte. Ein weiterer Meilenstein zur Ächtung der Atomwaffen war 2024 die Vergabe des Friedensnobelpreises an Nihon Hidankyo, die japanische Organisation, die die Überlebenden des Atombombenabwurfs in Hiroshima und Nagasaki. Die Norm der Ächtung ist im Zuge, verletzt zu werden.
Einen Wendepunkt findet im Jahr 2017 statt. Präsident Macron hielt eine Rede an der Sorbonne im September 2017. Er rief Europa dazu auf, eine „gemeinsame strategische Kultur“ zu entwickeln. Diese Ausrichtung könnte man verstehen als Öffnung der Nukleartests für europäische Partner und führt ab sofort zur Annahme, die französische Abschreckung auszuweiten zu wollen. (FN 1). Putin hat im Zuge des Krieges gegen die Ukraine in Belarus nuklear bestückte Mittelstreckenraketen installieren lassen und spricht nukleare Drohungen aus.
Angesichts dieser russischen Bedrohung und der Unzuverlässigkeit des Nato-Partners USA seit Trumps Präsidentschaft mahnt der Aufsichtsratschef von Airbus, einem deutsch-französischen Industriekonzern, René Obermann an, dass Europa in Bezug auf militärischer Abschreckung eigenständiger werden muss, inklusive der nuklearen Abschreckung. „Der Ex-Telekom-Chef [René Obermann] fordert eine europäisch geführte Abschreckung und rät Deutschland, sich in Kooperation mit Frankreich und anderen Partnern taktische Atomwaffen anzuschaffen.“ (FN 2).
Die Gefahr besteht nun darin, die Nuklearwaffen nach und nach als Mittel zur Abschreckung zu akzeptieren. Diese Form der Normalisierung ist angesichts des Vernichtungspotenzial der Atomwaffen eine Banalisierung. Der Umgang mit Atomwaffen beruht auf der Hypothese, dass die Waffen beherrschbar sind und es keine menschlichen Fehler gibt. Das Potential an Atomwaffen ist jetzt schon unheimlich hoch: 12.187 atomare Sprengköpfe, davon 90% in USA und Russland, im Detail: USA 3.700, Russland 4.400, Großbritannien 225, Frankreich 290, Israel 90, Pakistan 170, Indien 190, Nordkorea 60, China 620. (FN 3).
Präsident Macron erklärte am Montag, dem 2. März 2026, dass Frankreich sein Atomwaffenarsenal ausbauen und erstmals atomar bewaffnete Flugzeuge in verbündete Länder entsenden werde. Er gab bekannt, „dass acht europäische Länder, darunter Deutschland, Polen, Schweden und Großbritannien, sich bereit erklärt hätten, an einem von ihm als 'vorwärts gerichtetes' nukleares Abschreckungsprogramm bezeichneten Vorhaben teilzunehmen.“ (FN 4).
Die ICAN (International Campaign to Abolish Nuclear Weapons) warnt seit langem davor, dass nukleare Abschreckung keine Garantie für Frieden sei. Frankreich deutete an (FN 5), dass ein „nuklearer Schlag als Warnung durchgeführt werden könnte“ – was ein klares Versagen der nuklearen Abschreckung bedeuten würde. (FN 6). Die „Doomsday“ Uhr, die den Atomwaffeneinsatz in eine nahe Zukunft mit der Uhr abbildet, steht seit dem Januar 2026 auf 85 Minuten vor 12 Uhr. (FN 7).
Frankreich ist eine Atommacht. Im Sinne der Abrüstung hat es sein Arsenal im Jahr 2008 auf weniger als 300 Atomsprengköpfe beschränkt. Die nuklearen Materialien beruhen nach wie vor auf radioaktivem Uranium und Plutonium. Die Waffen sind auf U-Booten, Flugzeugträgern und Operationsbasen auf der Insel Logue stationiert. „Die französischen seegestützten Nuklearstreitkräfte (CNO) sind in der Strategischen Seestreitmacht (FOST) zusammengefasst. Ihr Kern besteht aus einer Flotte von vier ballistischen Raketen-U-Booten der Le-Triomphant-Klasse, die in Île Longue stationiert sind. Diese U-Boote sind mit Interkontinentalraketen vom Typ M51 ausgestattet, die eine Reichweite von etwa 10.000 Kilometern haben.
Jede M51 kann mehrere unabhängig voneinander lenkbare Wiedereintrittsfahrzeuge (MIRVs) tragen. Im Herbst 2025 wurde die M51.3 in den operativen Dienst gestellt, bestückt mit dem thermonuklearen Sprengkopf TNO-2, der mithilfe fortschrittlicher Simulationsverfahren entwickelt und validiert wurde.“ (FN 8). Erschreckend sind diese beiden Aussagen: „Should a state engage in hostile action against France, having misjudged the scope of its vital interests, a nuclear strike could be carried out as a warning.” und “Such a nuclear warning is optional and nonrepeatable. Only one strike could be envisaged.” (FN 9).
Aktuell ist die Pressemitteilung zum Treffen von Präsident Macron und Bundeskanzler Merz am 1. März 2026. Darin heisst es u.a. “Frankreich und Deutschland haben eine hochrangige Nuklear-Steuerungsgruppe eingerichtet, die als bilateraler Rahmen für den verteidigungspolitischen Austausch und die Koordinierung strategischer Maßnahmen dienen soll. … Frankreich und Deutschland haben vereinbart, in diesem Jahr erste konkrete Schritte in diese Richtung zu unternehmen, darunter die konventionelle Beteiligung Deutschlands an französischen Nuklearübungen. (FN 10). Vom 27. April bis zum 22. Mai 2026 findet die nächste Überprüfungskonferenz der Vertragsstaaten zum Atomwaffensperrvertrag statt.
Die fünf offiziellen Atommächte, die Vereinigten Staaten, Russland, das Vereinigte Königreich, Frankreich und China nehmen an der Konferenz teil. Israel, Indien und Pakistan und Nordkorea sind dem Atomwaffensperrvertrag (englisch: Nuclear Non-Proliferation Treaty, NPT) nicht beigetreten. Die Konferenz findet alle fünf Jahre statt. Warum sind Atomwaffen eine besonders schwere Bedrohung? Man unterscheidet zwischen dem Atombomben Typ A und B. A beruht auf der Kernspaltung, B auf Kernfusion (Verschmelzung von Atomkernen) bei extrem hohen Temperaturen. Auf Hiroshima wurde eine A Bombe abgeworfen, die „Little Boy“ mit 15 Kilotonnen, auf Nagasaki die „Fat Man“ mit 21 Kilotonnen Sprengkraft.
Die bisher größte Bombe des Typs B war die „TZSAR“ der Sowjetunion mit 57.000 Kilotonnen Sprengkraft (entwickelt 1961, aber sie kam nie zum Einsatz). (FN 11). Experten schätzen, dass heute Atomsprengköpfe angewendet werden können, die das Dreißigfache an Vernichtungskraft besitzen als die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki. Die heutige Kapazität der Vernichtung erzielt das 416-fache aller explosiven Waffen im 2. Weltkrieg (1939 – 1945). Nicht nur die Vernichtungsgewalt der Atombomben sind erschreckend. Ebenso sind die Kontexte der Herstellung und der Tests skandalös und führten zu Schäden an der Gesundheit bis zum Tod durch die Folgen der Verstrahlung, selbst bei den eigenen „Atom-Soldaten“ US-Armee.
Die Fat Man wurde auf Nagasaki abgeworfen. Das verwendete Uran stammte aus dem „belgischen Kongo“ und wurde unter sklavenähnlichen Bedingungen in Minen extrahiert. Noch heute leiden die Menschen und „verarmte kongolesische Gemeinden atmen weiterhin radioaktiven Staub ein, während ihr langjähriges Leiden unter den Folgen der Atomkraft weder Wiedergutmachung noch Gedenken findet.“ (FN 12). Das Plutonium für Little Boy stammte aus New Mexiko. Atombombentests sind hoch riskant für die Umwelt und für die Menschen. Ein Beispiel: Auf den Marshallinseln wurden zwischen 1948 und 1958 67 amerikanischen Atomtests durchgeführt. Die Sprengkraft von 1.000 Hiroshima-Bomben wurde bei dem größten Test erreicht.
Im Jahr 1956 erklärte die Atomenergiebehörde die Marshallinseln zum „mit Abstand am stärksten kontaminierter Ort der Welt“. (FN 13). Uran birgt die Gefahr der Umweltvergiftung. Beispiel: Angereichertes Uran, das auf dem Gelände der Nuclear Metals in Concord, Massachusetts, abgelagert wurde, ist durch den Boden ins Grundwasser gesickert. (FN 14). Der berühmte, berüchtigte rote Knopf zur Auslösung der Atomrakete ist beunruhigend. In den parlamentarischen Regierungssystemen wie in Vereinigte Königreich (GB), Indien, Pakistan und Israel wird die Entscheidung über einen Atomschlag kollegial getroffen. Die Entscheidung ist nicht einzig vom Premierminister abhängig.
Anders in semi-präsidialen Systemen wie USA, Russland und Frankreich. Hier hat der Präsident tatsächlich die alleinige Entscheidungsmacht, d.h. der rote Knopf kann gedrückt werden. Das gleiche gilt für Nordkorea. Hier kann der nicht gewählte Präsident Kim Jong-un den roten Knopf drücken, während in China Organe der Partei die Verantwortung übernehmen. Ganz besonders kritisch ist die französische Atommacht zu sehen, die die Nuklearwaffen in der EU erweitern möchte, aber nach wie vor die Autorität des Einsatzbefehles bei ihrem Präsidenten sieht. Derzeit ist es Macro, aber wer wird der Nachfolger von Macro sein?
Fussnoten: FN 1: Le Monde, 27. September 2017 « Europe : Macron livre une feuille de route ambitieuse tout en ménageant Berlin «. FN 2 : Handelsblatt, 24.03.2025. FN 3: https://fas.org/initiative/status-world-nuclear-forces/ Zahlen von 2026. FN 4: Le Monde, 2. März 2026. FN 5 : https://www.defense.gouv.fr/sites/default/files/ministere-armees/BACKGROUND%20DOSSIER_NUCLEAR%20DETERRENCE.pdf. FN 6: https://www.icanw.org/2026_french_nuclear_doctrine_german_cooperation. FN 7: https://thebulletin.org/doomsday-clock/2026-statement/. FN 8 : Media Centre of the Ministry for the Armed Forces and Veterans https://www.defense.gouv.fr/sites/default/files/ministere-armees/BACKGROUND%20DOSSIER_NUCLEAR%20DETERRENCE.pdf.
FN 9: dito, Seite 15 – eigene Übersetzung: „Sollte ein Staat, der den Umfang seiner vitalen Interessen falsch eingeschätzt hat, feindliche Handlungen gegen Frankreich unternehmen, könnte ein Nuklearschlag als Warnung durchgeführt werden.“ und: „Eine solche nukleare Warnung ist optional und kann nicht wiederholt werden. Es käme nur ein einziger Schlag in Betracht.“. FN 10: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/joint-declaration-of-president-macron-and-chancellor-merz-2409268. FN 11: 1 Kilotonne entspricht 1.000 Tonnen TNT. FN 12: Shampa Biswas in https://www.societyandspace.org/articles/the-call-of-the-shadows-from-nuclear-colorado-to-nuclear-washington.
FN 13: Slow Violence and the Environmentalism of the Poor, Rob Nixon, 2011, Seite 7. FN 14: dito, Seite 212.




















































