Sonny Rollins – eine Erinnerung
Bad Aibling [ENA] Sie trennten nur fünf Lebensjahre, und doch lagen 35 Jahre zwischen diesen beiden Verlusten: dem Tod von Miles Davis, der am 26. Mai seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hätte, wäre er nicht schon 1991 gestorben, und jetzt dem Tod des 95-jährigen Sonny Rollins, der am 7. September 1930 in New York City als Walter Theodore Rollins und Sohn einer musikbegeisterten, aus der Karibik stammenden Familie geboren wurde.
Nun liegen Rollins' Tod und der Geburtstag von Davis zufällig in derselben Woche. Sie geben Anlass, an gemeinsame Auftritte der beiden Musiker zwischen etwa von 1951 bis 1954 zu erinnern und die im am 29. Juni 1954 aufgenommenen „Miles Davis with Sonny Rollins“ – Album, einer 10-Inch-LP, erschienen bei Prestige Records, ihren Ausdruck fanden. Die Platte wird Miles Davis zugeschrieben, zeigt aber das musikalische und kompositorische Können von Sonny Rollins, der zu diesem Zeitpunkt Davis’ bevorzugter Saxophonist war. Drei der vier Stücke – „Airegin“, „Oleo“, „Doxy“ – waren Eigenkompositionen von Sonny Rollins, das vierte „But Not for Me“ stammte von George und Ira Gershwin.
Der Tenorsaxophonist Sonny Rollins, der „Saxophon-Colossus“, so der Titel eines seiner bedeutendsten Alben, wurde von den Legenden des Bebop als geschätzter Begleitmusiker ausgebildet und entwickelte sich später zum beeindruckenden Bandleader, Improvisator und Komponisten und zu einem ebenbürtigen Partner eben dieser Legenden. Seine Jugend verbrachte er in Harlem, unweit des Savoy Ballroom und des Apollo Theatre. Der elfjährige Rollins begann mit einem Altsaxophon, wechselte 1946, beeindruckt von der Musik seines Idols Coleman Hawkins, zum Tenorsaxophon und spielte in Schülerbands mit seinen Freunden, dem Pianisten Kenny Drew (1928–1993), dem Alt-Saxophonisten Jackie McLean (1931–2006) und dem Schlagzeuger Art Taylor (1929–1995).
Sonny Rollins war der Erste, der sich lösen konnte, und hatte erste Schallplattenaufnahmen 1949 mit Babs Gonzales, Bud Powell, Fats Navarro, Art Farmer oder Jay Jay Johnson. Zur gleichen Zeit erhielt er Engagements bei Art Blakey, Tad Dameron, Bud Powell und Miles Davis. Nach einer kurzen Pause in den Jahren 1954/55 kehrte er als Mitglied des Clifford Brown-Max Roach Quintetts zurück und zeigte sich gelassener und abgeklärter als zuvor. Er spielte einen bissigen, oft humorvollen Stil der melodischen Erfindung. Seine wegweisenden Alben dieser Zeit wurden 1956 begann Sonny mit den Aufnahmen zur ersten einer Reihe wegweisender Alben, die unter seinem eigenen Namen erschienen:
„Valse Hot“ führte die heute gängige Praxis ein, Bop im 3/4-Takt zu spielen; „St. Thomas“ leitete seine Erkundungen von Calypso-Mustern ein; und „Blue 7“ wurde zum Beispiel für eine neue Art der thematischen Improvisation. „Way Out West“ (1957), Rollins’ erstes Album mit einem Trio aus Saxophon, Kontrabass (Ray Brown) und Schlagzeug (Shelley Manne), bot Lösung und Ausweg für seine langjährigen Schwierigkeiten mit Pianisten, zu denen immerhin auch Thelonious Monk auf dem Album „Moving Out“ gehört hatte. Mit „It Could Happen to You“ entstand 1957 die erste einer langen Reihe von Soloaufnahmen ohne Begleitung, und „The Freedom Suite“ (1958) nahm die politischen Haltungen vorweg, die der Jazz in den 1960er Jahren einnahm.
In diesen Jahren galt Rollins weithin als der talentierteste und innovativste Tenorsaxophonist des Jazz. Die Erklärung für Rollins' Spitznamen „Newk“ liefert Miles Davis (Miles – The Autobiography, Simon & Schuster, 1990, p.134): „Sonny war gerade von einem Auftritt in Chicago zurückgekommen. Er kannte Bird, und Bird mochte Sonny wirklich gern – oder „Newk“, wie wir ihn nannten –, weil er dem Pitcher der Brooklyn Dodgers, Don Newcombe, ähnelte. Eines Tages saßen Sonny und ich in einem Taxi … als sich der weiße Taxifahrer umdrehte, Sonny ansah und sagte: ‚Verdammt, du bist ja Don Newcombe!‘ Mann, der Typ war total aus dem Häuschen.“
Das Problem der Jazz-Szene dieser Tage war der Drogenkonsum, der Sonny Rollins Anfang 1950 eine 10-monatige Gefängnisstrafe wegen bewaffneten Raubüberfalls und eine zweite aus gleichem Grund wegen Verletzung der Bewährungsauflagen einbrachte. Vielleicht war es die allgemeine Verbreitung des Heroins unter seinen Mitmusikern, die seinen Ruf nicht beeinträchtigte und ihm die Gigs mit Charlie Parker, Thelonious Monk und Miles Davis verschaffte. Schließlich halfen ihm eine Entzugstherapie und der spirituelle Weg in fernöstliche Heilmethoden. Zurück (oder weiter vor) in die Jahre 1959 bis 1961, wo Rollins sich dem begleiteten Solospiel gewidmet hatte, jedoch trotz Erfolg und Beifall mit dem Ergebnis nicht zufrieden war.
Er zog sich für diese Phase aus dem öffentlichen Musikleben zurück. Daran anschließend hieß seine erste Aufnahme „The Bridge“ und ab Mitte der 60er Jahre entwickelten sich seine Live-Auftritte zu großartigen Solos im Stil des „Stream of Consciousness“, in denen er aus seinem enzyklopädischen Wissen über Pop-Songs Melodien hervorzauberte, mit überraschenden Übergängen in schillernde Variationen von einem zum anderen Thema. Er spielte mit Jim Hall, Don Cherry, Paul Bley und seinem ewigen Idol Coleman Hawkins, ehe ihn eine erneute Unzufriedenheit mit dem Musikgeschäft 1966 ein weiteres Sabbatical einlegen ließ, wo er in Japan und in einem indischen Kloster lebte.
Ab 1972, seine Frau Lucille hatte ihn ermutigt und wurde seine Managerin, begann er wieder zu spielen und Platten aufzunehmen. Rund zwei Dutzend Alben entstanden mit seinen Stamm-Musikern bis hin zu All-Star-Ensembles (Tommy Flanagan, Jack DeJohnette, Stanley Clarke, Tony Williams). Solo-Konzerte wechselten mit Tourneen mit den Milestone Jazzstars (Ron Carter, McCoy Tyner). Auszeichnungen folgten. Darunter das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst,I. Klasse, die Edward MacDowell Medaille, die Medal of Arts, die ihm im März 2011 von Präsident Barack Obama verliehen wurde. Er wurde in die American Academy of Arts and Sciences aufgenommen und erfuhr im Dezember desselben Jahres mit den Kennedy Center Honors eine weitere Ehrung.
Schließlich veröffentlichte er seine letzten Alben über sein eigenes Label Doxy Records. 2014 erklärte er seinen Rücktritt. Sonny Rollins starb am 25. Mai 2026. Schließen wir mit zwei Bemerkungen von Sonny Rollins: „Auch wenn ich nicht mehr auf meinem Instrument spielen kann, kann ich doch in Gedanken weitermusizieren – dafür bin ich dankbar. Musik ist einfach großartig, und für mich bedeutet sie so viel“ und „Ich glaube, wenn der kreative Mensch stirbt, lebt er im nächsten Leben weiter. Ich bin jemand, der nicht glaubt, dass dieses Leben das Ende von allem ist. Ein spiritueller Mensch empfindet das nicht so."




















































