Donnerstag, 10.09.2026 00:48 Uhr

Prenzlau: Eine Stadt, die sich immer wieder neu erfindet

Verantwortlicher Autor: Michael Fuchs Prenzlau, 09.09.2026, 18:51 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 405x gelesen
Prenzlau in der Uckermark
Prenzlau in der Uckermark  Bild: Michael Fuchs

Prenzlau [ENA] Prenzlau war Handelsmetropole, Trümmerfeld, sozialistische Bezirksstadt und sowjetischer Garnisonsort. Heute steht die Stadt am Unteruckersee nicht trotz dieser Brüche, sondern mit ihnen. Eine Begegnung mit Backsteinriesen, verschwundenen Orten und einer schottischen Königin.

Die Uckermark beginnt mit Platz. Der Himmel dehnt sich über Felder, Bauminseln, Moore und Seen, die wie zurückgelassene Spiegel der Eiszeit zwischen den Äckern liegen. Auf dem Radfernweg Berlin–Usedom bekommt diese Weite einen Rhythmus. Treten, schauen, weiterziehen – bis am Unteruckersee zwei rotbraune Türme auftauchen. Sie stehen zunächst nur als schmale Zeichen am Horizont, doch mit jedem Meter werden sie deutlicher, als würde die Landschaft selbst auf Prenzlau zuführen.

Zwei Türme über der Weite

Sie sind ungleich, und gerade deshalb unverwechselbar. Der Nordturm von St. Marien ragt 68 Meter hoch, sein südlicher Bruder bleibt vier Meter darunter. Zusammen markieren sie Prenzlau lange bevor Straßen und Häuser zu erkennen sind. Vom See aus wirkt die Kirche wie ein mittelalterliches Ausrufezeichen. Tatsächlich ist sie ebenso sehr ein Denkmal des 20. Jahrhunderts: ausgebrannt, jahrzehntelang gesichert und wiederaufgebaut. Ein Bauwerk mit zwei Leben – und damit das passende Wahrzeichen für diese Stadt. Prenzlau wurde reich, verbrannte, verarmte, wuchs neu, ging 1945 fast unter und erhielt danach ein Gesicht, das bis heute provoziert. Wer hier nur Backsteingotik sucht, sieht die halbe Stadt. Wer nur Plattenbauten sieht, ebenfalls.

Vom mittelalterlichen Start-up zum preußischen Debakel

Am 27. Dezember 1234 verlieh Pommernherzog Barnim I. Prenzlau das Magdeburger Stadtrecht. Acht Lokatoren sollten die Stadt entwickeln: eine Art Start-up-Unternehmer des Mittelalters, nur ohne Präsentationsfolien und mit erheblich höherem persönlichem Risiko. Die Lage an Handelswegen und Wasser zahlte sich aus. Tuchhändler und Gewandschneider verkauften bis in den Hanseraum, Kirchen und Klöster zeigten, dass hier nicht nur gebetet, sondern gut verdient wurde. Mit etwa 5.000 Einwohnern gehörte Prenzlau zeitweise zu den 50 größten Städten des Reiches. Grenzland blieb es trotzdem. Brandenburg und Pommern rangen um die Uckermark, und 1425 sollen die Bürgermeister Belz und Grieben den Pommern die Tore geöffnet haben. Der Verrat endete tödlich.

Die mumifizierten Schwurhände der Bürgermeister

Ihre mumifizierten Schwurhände liegen heute im Kulturhistorischen Museum – aus einer Zeit, in der Amtseide buchstäblich Körperteile kosten konnten. Dann kamen die vertrauten Prenzlauer Zäsuren: 1483 ein großer Stadtbrand, im Dreißigjährigen Krieg Besatzung, Plünderung und Pest. Aus der stolzen Handelsstadt wurde eine ausgezehrte Garnisons- und Ackerbürgerstadt. Selbst als Prenzlau 1806 noch einmal europäische Militärgeschichte schrieb, tat es das als Schauplatz einer Blamage. Fürst Hohenlohe kapitulierte nach den preußischen Niederlagen von Jena und Auerstedt mit rund 10.000 Soldaten vor einer kleineren französischen Streitmacht. Marschall Murat hatte ihn über deren Stärke getäuscht. Der Sieg war Paris eine Inschrift am Triumphbogen wert.

Erst ausgelöscht, dann niedergebrannt

Zu Prenzlaus Stadtgesellschaft gehörten über Jahrhunderte jüdische Einwohner. 1752 entstand an der Wasserpforte eine Synagoge, 1832 folgte ein repräsentativer Neubau. Rabbiner, Schule, Gemeindehaus und Mikwe gehörten dazu. Im 19. Jahrhundert war die Synagogengemeinde die größte der Uckermark. Jüdische Prenzlauer waren Kaufleute, Handwerker, Bankiers und Stadtverordnete – keine Randnotiz, sondern Nachbarn und Mitbürger. Der deutsche Faschismus löschte diese Welt aus. In der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge geplündert und niedergebrannt; die Gemeinde musste später auch noch für den Abbruch der Ruine bezahlen. 1942 wurden die letzten jüdischen Einwohner deportiert.

Reste des Jüdischen Friedhofs im Stadtpark

Auch der alte jüdische Friedhof im heutigen Stadtpark wurde geschändet, zwangsweise verkauft und planiert, Grabsteine wurden als Baumaterial missbraucht. An der Wasserpforte zeichnen heute Terrassen die Grundrisse von Synagoge und Rabbinerhaus nach. Es ist ein stiller Ort. Gerade deshalb sollte man dort nicht vorbeigehen. Nur wenige Jahre nach der Zerstörung der jüdischen Gemeinde traf die Gewalt die ganze Stadt. Bis weit in den April 1945 war Prenzlaus historische Mitte nahezu unversehrt geblieben. Dann kamen Luftangriffe, Artilleriebeschuss, der verspätete Fluchtbefehl der NS-Führung und in der Nacht zum 27. April der Einmarsch der Roten Armee. Danach brannte Prenzlau.

Welche Häuser bereits durch Kämpfe zerstört waren, wo Feuer gelegt wurde und wer verantwortlich war, ist nicht lückenlos geklärt. Das Ergebnis ist es: Rund 85 Prozent der Innenstadt wurden vernichtet. Von 832 bebauten Grundstücken waren 716 zerstört. Straßenzüge, Archive, Geschäfte und Bürgerhäuser verschwanden unter Ziegeln und verkohlten Balken. St. Marien brannte aus, später stürzte das Gewölbe in das Kirchenschiff. In Prenzlau liegen die Widersprüche des Kriegsendes offen: Die Rote Armee besiegte unter ungeheuren Opfern den deutschen Faschismus – und ihre Einnahme der Stadt verband sich mit Plünderungen, Übergriffen und Brandstiftungen. Der Krieg, den Deutschland entfesselt hatte, kehrte mit voller Gewalt zurück.

Phönix ohne Stuckfassade

Nach der Katastrophe brauchte Prenzlau keine historische Kulisse, sondern Wohnungen. Der planmäßige Wiederaufbau begann 1952. Er folgte einem modernen gesellschaftlichen Versprechen: Helle Räume, fließendes Wasser, Bad und Heizung sollten nicht wenigen Wohlhabenden vorbehalten sein. Schulen, Kindergärten, Kaufhallen und Sportstätten gehörten zur Stadtplanung dazu. Nach der Trümmerhölle zählte nicht zuerst der Stuck, sondern ein warmes Zuhause. Das veränderte den Stadtgrundriss radikal. Breite Verkehrsachsen und aufgelockerte Wohnzeilen traten an die Stelle enger mittelalterlicher Parzellen.

Blick auf die Stadt vom Turm St. Marien

Am Robert-Schulz-Ring und am Georg-Dreke-Ring entstanden mehr als 2.000 Wohnungen, viele mit Fernwärme, dazu Schulen, Kinderkombinationen, Kaufhallen und Sporthalle. Das waren soziale Quartiere: Wohnen, Bildung, Betreuung, Versorgung und Freizeit lagen nah beieinander. Niedrige, staatlich regulierte Mieten hielten das Wohnen bezahlbar, auch wenn Wohnungen knapp blieben. Arbeit gehörte zu diesem Modell. Das 1967 gegründete Armaturenwerk beschäftigte zeitweise bis zu 1.500 Menschen und wurde zum industriellen Herz der Kreisstadt. Man darf über die Härte mancher Achse und die Monotonie serieller Fassaden streiten.

Wer den DDR-Wiederaufbau aber als graue Notlösung abtut, verfehlt seine historische Leistung. Aus einer Trümmerwüste entstand in erstaunlich kurzer Zeit wieder eine funktionierende Stadt – getragen von Menschen, die bauten, lernten, arbeiteten und Familien gründeten. Auch St. Marien widerlegt das bequeme Klischee, die DDR habe das bauliche Erbe nur verfallen lassen. 1949 und 1950 wurde zunächst der einsturzgefährdete Ostgiebel gesichert. 1970 begann der eigentliche Wiederaufbau. Es folgten Dachstuhl und Kupferdach, die Instandsetzung der Turmfassaden und Kapellen sowie die Rettung des monumentalen Ostgiebels. 1982 war der Nordturm vollendet, 1984 erhielt der Südturm sein Dach. Das DDR-Kirchenbauprogramm trug maßgeblich zur Finanzierung bei.

Panzer, Freundschaftsfeste und eine doppelte Erinnerung

Mit dem Wiederaufbau lebte Prenzlau zugleich 46 Jahre lang als sowjetische Garnisonsstadt. Panzerregimenter, Aufklärer und Kampfhubschrauber prägten den Stadtrand; Soldaten, Offiziere und ihre Familien das Straßenbild. Vieles blieb militärische Parallelwelt. Daneben standen Begegnungen in Schulen und Betrieben, Veranstaltungen der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, Kulturprogramme und Freundschaftsfeste. Manches war Ritual, manches Propaganda – und manches wurde über die Jahre zu wirklicher Bekanntschaft und menschlichem Miteinander. 1989 demonstrierten Tausende Prenzlauer gegen weitere Kampfhubschrauber. Im August 1991 zogen die sowjetischen Truppen ab.

Das sowjetische Ehrenmal im Stadtpark

Im Stadtpark berühren sich zwei Erinnerungsschichten beinahe. Das sowjetische Ehrenmal erinnert an gefallene Soldaten der Roten Armee. Nur wenige Schritte entfernt lag der von den Nationalsozialisten zerstörte alte jüdische Friedhof. Hier die Menschen, die der deutsche Faschismus verfolgte und ermordete; dort Soldaten jener Armee, die ihn besiegte. Dazwischen Spazierwege, Bäume, heutiger Alltag. Kaum ein Ort in Prenzlau erzählt das 20. Jahrhundert eindringlicher – gerade weil er keine einfache Antwort anbietet.

Die schottische Königin und der Weg zum See

In St. Marien hat die Gegenwart inzwischen einen mächtigen Klang. Auf der Empore steht eine Königin mit Migrationserfahrung: eine 1904 von William Hill & Son in London gebaute Orgel, die mehr als ein Jahrhundert in einer Kirche im schottischen Kilbarchan spielte. Als diese geschlossen wurde, erhielt Prenzlau das Instrument. Tausende Fotos waren nötig, um es ohne vollständige Bauzeichnungen abzubauen und originalgetreu wieder zusammenzusetzen. Rund 2.400 Holz- und Metallpfeifen reisten in die Uckermark. Im Mai 2026 wurde die restaurierte Hill-Orgel eingeweiht.

Die neue Orgel in St. Marien

Nun füllt britisch-romantischer Klang den norddeutschen Backsteinraum. Die Orgel ist mehr als eine kostbare Neuanschaffung. Acht Jahrzehnte nach dem Brand gibt sie der geretteten Kirche ihre große Stimme zurück. Wenn die tiefen Register durch das Kirchenschiff ziehen, werden Wiederaufbau und Wiedergeburt hörbar. Nun trifft britisch-romantischer Klang auf norddeutsche Backsteingotik. Das größte Problem ist nicht etwa „britisches Holz im deutschen Klima“, sondern das wechselhafte Raumklima der Kirche. Holz, Leder und Metall reagieren empfindlich auf Feuchtigkeit, Frost und rasches Aufheizen. Sensoren, langsames Temperieren und regelmäßige Kontrollen gehören deshalb zum Orgelalltag. Nach 8 Jahrzehnten hat St. Marien ihre große Stimme zurück.

Das Kloster und sein auffälliges Schweigen

Ein paar Schritte weiter liegt das Dominikanerkloster. Kreuzgang, Backstein, Friedgarten: ein gotisches Ensemble von seltener Geschlossenheit. Museum, Stadtarchiv, Bibliothek und Veranstaltungsräume machen es zu einem der überzeugendsten Kulturorte der Region. Die Dauerausstellung ist sorgfältig gearbeitet. Sie zeigt mittelalterliche Skulpturen, Zunftwesen, Garnisonsgeschichte, archäologische Funde und jene abgeschlagenen Bürgermeisterhände. Jakob Philipp Hackert erhält ebenso Raum wie Königin Friederike Luise. Doch sobald das 20. Jahrhundert seine Zumutungen stellt, wird die historische Erzählung dünn. Gerade die Brüche, die Prenzlau bis heute prägen, erscheinen nicht mit dem Gewicht, das für das Verständnis der Stadt nötig wäre.

Modell der Stadt Prenzlau im Museum

Die Zerstörung der jüdischen Gemeinde, die faschistische Herrschaft, das Inferno von 1945, die sowjetische Garnison und der jahrzehntelange DDR-Wiederaufbau hätten das Zeug zu einem großen Prenzlauer Kapitel. In der Dauerschau erscheinen sie jedoch nicht mit dem Gewicht, das für das Verständnis der heutigen Stadt nötig wäre. Sonderausstellungen haben diese Geschichte gezeigt; verschwiegen wird sie also nicht grundsätzlich. Doch sie kommen und gehen. Eine zeitgemäße Dauerausstellung müsste DDR und Aufbauleistung benennen, an jüdische Prenzlauer erinnern und erklären, warum vor dem Kloster mittelalterliche Türme neben DDR-Wohnbauten stehen. Diese Gleichzeitigkeit ist Prenzlaus eigentliches Exponat.

Wo die Stadt den See wiedergefunden hat

Am Ende führt fast jeder Weg hinunter zum Wasser: Die Uckerpromenade zwischen Stadtmauer und Unteruckersee ist seit der Landesgartenschau 2013 ein großzügiger Übergang aus Gärten, Wegen und offenen Blicken. Segel stehen als weiße Striche auf dem Wasser, Kanus verschwinden südwärts in einer von Eis und Schmelzwasser geformten Landschaft, Radfahrer ziehen auf dem Berlin-Usedom-Weg durch die Stadt. Die alte Wehranlage begleitet den Spaziergang: einst 2,6 Kilometer lang, bis zu neun Meter hoch und mit 66 Wiekhäusern bewehrt. Mitteltorturm, Hexenturm und Steintorturm erzählen von einer Stadt, die sich keiner Epoche vollständig überlassen hat. Prenzlau ist entdeckt, aber nicht überlaufen; herausgeputzt, aber nicht glattpoliert.

Man kommt wegen des Sees und bleibt bei den Brüchen hängen. Bei Backstein und Platte. Bei Schwurhänden und Windrädern. Beim verschwundenen jüdischen Friedhof und beim sowjetischen Ehrenmal. Bei einer schottischen Orgel, die einer zerstörten Kirche ihre Stimme zurückgegeben hat. Und wenn am Abend die beiden Türme von St. Marien rot über dem Unteruckersee stehen, versteht man, weshalb Prenzlau keine Stadt ist, die man einfach besichtigt – sondern eine, in deren Geschichte man hineingeht und mit Reiselust und einem besseren Verständnis für die Region und deren Menschen wieder herauskommt.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Photos und Events Photos und Events Photos und Events
Info.