Polytheismus als Form der Kreativität
Wien [ENA] Wie sehr das kultische, göttervorstellende Bewusstsein als Sehnsucht nach dem Paradies ein allgemein menschliches Bedürfnis ist, zeigte auch das relativ problemlose Verschmelzen der keltischen Götter mit den vielen römischen, die während der einhundert Bündnisjahre zwischen dem keltischen Königreich Norikum und dem Römischen Reich gemeinsam verehrt wurden. Damit erwies sich das Heidentum eigentlich relativ tolerant.
Vielmehr zeigte sich der Polytheismus noch in der Lage die schmerzhafte Sehnsucht nach der verlorenen Einheit von Geist und Körper kreativ in unzähligen Göttergestalten vorzustellen, umsomehr die Römer keltische Götter wie Teutates, Esus oder Taranis mit ihren eigenen gleich setzten. So erhielt Jupiter Optimus Maximus in Ansfelden einen Altar, dessen Darstellung mit dem Symbol des Rads, eigentlich auf den keltischen Donnergott Taranis hindeutet. Diese religiöse Interpretationsfreiheit hatten auch römische Soldaten, durch die viele Götter, die im großen Imperium Romanum verehrt wurden, auch nach Österreich brachten. Manche verschmolzen mit römischen, keltischen oder vorkeltischen Gottheiten, wie z.B. Isis mit der Großen Mutter Noreia.
Die Provinzen Rätien, Norikum und Pannonien, die gebietsmäßig fast dem heutigen Österreich entsprechen, hatten in jeder Stadt ein römisches Kapitol, das der Trias Jupiter, Juno und Minerva geweiht war, das aber auch Statuen vieler anderer Gottheiten zuließ, wie z.B. Baal aus dem Orient oder Osiris aus Ägypten, die bald auch als einheimisch galten. Nichtsdestotrotz entwarf der Mithras-Kult, der bei Soldaten besonders beliebt war, einen ganz neuen Schöpfungsmythos, der die Große Mutter Noreia, die inzwischen mit der ägyptischen Isis verschmolzen war, abzulösen drohte. Jetzt wird nämlich Mithras, der die dunkle Nacht erleuchtet, durch die Tötung des göttlichen weißen Stiers als Schöpfungsakt zum Urheber des irdischen Lebens.




















































