Fondation Louis Vuitton: Gerhard Richter
Paris [ENA] Im „Bois de Boulogne“, an einer Seitenstraße gelegen, ragt der gläserne schiffähnliche Palast der Kunst der Stiftung Louis Vuitton gegen den Himmel. Hier wird das Werk von Gerhard Richter noch bis zum März 2026 gezeigt. Die Retrospektive umfasst 275 Werke von 1962 bis 2024.
Die Ausstellung erstreckt sich über vier Etagen und 34 Räume. Gezeigt werden Ölgemälde, Skulpturen aus Stahl und Glas, Bleistift- und Tuschezeichnungen, Aquarelle und bemalte Fotografien. Die 60 Jahre künstlerisches Schaffen sind in sechs Themenkomplexe unterteilt, jeder davon umfasst ungefähr eine Zeitspanne von zehn Jahren. Richter wurde 1932 in Dresden geboren. 1961 verlassen Richter und seine Frau Ema Dresden und fliehen über West-Berlin in die Bundesrepublik Deutschland. Er wird an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf aufgenommen und studiert in der Klasse von Professor Ferdinand Macketanz, finanziert durch ein zweijähriges Stipendium.
Richter malt nie direkt von der Natur auf die Leinwand. Er beschäftigt sich erst mit dem Thema, sucht Vorlagen wie beispielsweise Fotos, Zeitungsartikel oder eine Zeichnung und wendet verschiedene Techniken an, um ein unabhängiges und eigenständiges Bild zu erschaffen. Berühmt wird Richter durch den Einsatz seiner charakteristischen Verwischungstechnik, der „Vermalung“ oder im Englischen „blurring“. Objekte in fotorealistischer Genauigkeit werden dann verwischt, indem Richter einem trockenen, breiten Pinsel nimmt und über die noch feuchte Farbe auf der Leinwand streicht. Damit verschiebt er das Dargestellte und fügt dem Bild eine weitere Ebene hinzu. Das ist eine Transformation in die Abstraktheit oder in die Transzendenz.
In einem Interview äußert sich Richter zur „Vermalung“; „Misstrauen Sie der Realität, weil Sie Ihre Bilder auf Fotografien basieren? Ich misstraue nicht der Realität, von der ich so gut wie nichts weiß. Ich misstraue dem Bild der Realität, das uns unsere Sinne vermitteln, das unvollkommen und begrenzt ist.“ … „Die Unschärfe ist eine Gelegenheit, die Flüchtigkeit unserer Wahrnehmungsfähigkeit auszudrücken.“ Interview mit Rolf Schön, 1972. 1972 malt Richter die 48 Porträts für die Biennale von Venedig. Er stellt die für ihn bedeutenden Persönlichkeiten dar. Die Bilder sind von Fotographien ausgehend gemalt und wirken selbst wieder wie Fotographien.
In den 1980er Jahre malt er abstrakte, farbenfrohe Bilder, die dennoch aussagekräftig sind und damit großen Erfolg haben. Richter ist auch ein Maler der behutsamen Gefühle wie sie im Porträt seiner Tochter „Betty“ oder in dem Stillleben „Kerze“ gezeigt werden. Richter beschäftigt sich nach wie vor mit den Ereignissen und Dramen der Welt. In den 1990er Jahren widmet er sich in der Aufarbeitung der „bleiernen Zeit“, den tragischen Moment im Zusammenhang mit dem Baader-Meinhof-Komplex. Er nennt die Bilder die Serie 18. Oktober 1977. Ein Bild ist die Beerdigung. Ebenso malt er Portraits aus seiner intimen Umgebung, wie z.B. Femme lisant (1994).
In den 2000er Jahren studiert Richter die Wirkung von Farben und kreierte z.B. Gerhard Richter, 4900 Farben, 2007. 2014 setzt sich Richter mit dem Werk „Birkenau“ mit der Shoa auseinander. Richter malt einen Zyklus von vier abstrakten Gemälden, die nach Fotos, die von Häftlingen des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau heimlich aufgenommen wurden. Die zwei Fotos von links stammen von Alberto Errera. Er war griechischer Jude und im Widerstand aktiv. Vom Mai bis August 1944 gehörte er dem Sonderkommando in Auschwitz-Birkenau an. Er war dem Krematoriumsofen im Krematorium V in Birkenau zugewiesen.
Das Foto links zeigt, die Verbrennung der Leichen vor dem Krematorium. Am 9. August 1944 flüchtete er durch den Fluss Vistula, als er und andere die Asche dort entleerten. Er wurde entdeckt und wenige Tage später umgebracht. Der „Graue Spiegel“ (2019) spiegelt die vier Bilder und verfremdet sie durch die Lichtfilterung. Durch den Spiegel ist der Betrachter mitten in den Darstellungen und erfährt so ein aktives Involvement in die künstlerische Darbietung.
Gerhard Richter setzt sich mit der Geschichte auseinander. Bereits in den 60er Jahren malte Richter Familienporträts, die sich auf seine eigene Kindheit beziehen (Onkel Rudi, Tante Marianne). Onkel Rudi ist am Anfang des Krieges gefallen, Tante Marianne wurde umgebracht, ein Opfer der „Euthanasie“. Die Schrecken des Krieges zeigt sein Bild „Bomber“, gemalt 1963. Dresden wird bombardiert. Es folgen die Bilder zur RAF, 1988 und zu Birkenau, 2014. Im Jahr 2017 erklärte er, sein malerisches Werk vollendet zu haben. Es folgen Zeichnungen, siehe Bild Zeichnungen, 2024. Gerhard Richter: Ausstellung / Exhibition: vom 17.10.2025 bis zum 02.03.2026 https://www.fondationlouisvuitton.fr/en/




















































