Die verwegen Scylla in Ovids Metamorphosen
Wien [ENA] In der Weltliteratur gibt es wahrscheinlich wenige so durch und durch verwegene Frauenfiguren wie Scylla, die Tochter von König Nisus, die ihrem Begehren nach dem schönen König Minos, nicht nur ihren Vater, sondern auch ihre Heimat Megara opfert. Niemand geringerer als der römische Dichter Ovid, 43 v.Chr. geboren, hat in seinen "Metamorphosen" die Scylla aus der griechischen Mythologie nochmals großartig inszeniet.
Ihre Sprache, ihr enormes Selbstbewusstsein und ihr Drama entsetzen nicht nur ihren Widersacher König Minos von Kreta, sondern lassen auch beim Leser ein moralisches Befremden zurück. Während nämlich Minos Megara belagert, überschaut Scylla vom Turm der väterlichen Burg das Kriegsgeschehen und verfällt dem feindlichen König mit seiner stolzen, glänzenden Rüstung. Ihre Sehnsucht nach diesem Mann wird immer rasender und so schmiedet sie einen Plan wie sie ihn gewinnen könnte. In der Nacht schneidet sie deshalb ihrem Vater die purpurne, magische Haarsträhne ab, die ihn unbesiegbar macht. Scylla eilt ins feindliche Heerlager, überreicht König Minos die Locke, gesteht ihm ihre Liebe und bietet sich als Geisel, Geliebte oder auch als Ehefrau an.
Doch alle ihre Pläne sind vergebens, denn Minos verachtet sie aus tiefsten Herzen und sieht in ihr ein Ungeheuer, das niemals die Insel Kreta betreten darf, dort wo die Wiege Jupiters stand. Als Scylla alle ihre Träume zerbrechen sah, geraet sie in einen unkontrollierbaren Wutanfall, ballt ihre Fäuste gegen Minos und bezichtigt ihn der Undankbarkeit. Bedeutet dir meine Liebe und mein Opfer gar nichts, schreit sie in wilder Verzweiflung. Mein eigenes Land wurde durch meinen Verrat besiegt, du kannst nicht der Sohn von Europa sein, sondern eher der Sohn einer wilden Bestie, beschimpft sie Minos, den Sohn von Zeus. Am Höhepunkt ihrer Ausweglosigkeit verwandelt sich Scylla in einen kleinen Vogel, der von einem Seeadler, ihrem Vater gejagt wird.




















































