Dienstag, 16.06.2026 18:01 Uhr

Buchbesprechung: Zeit der Zauberer, v. Wolfram Eilenberger

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Frankfurt am Main, 16.06.2026, 13:30 Uhr
Fachartikel: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 135x gelesen
Zeit der Zauberer: Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919–1929.
Zeit der Zauberer: Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919–1929.  Bild: Kurt Lehberger (Fotomontage)

Frankfurt am Main [ENA] Die 20er-Jahre sind die Jahre zwischen den Weltkriegen. Die Künstler*innen erlebten kreative Schaffenszeiten. Dadaismus und die Neue Sachlichkeit wurden auch in Deutschland bestimmend. In der Architektur entstand das Bauhaus. In diesen zehn Jahren traten einige herausragende Philosophen hervor.

Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Ernst Cassirer und Martin Heidegger prägten diese Epoche. Ihre Geschichte zeichnet Eilenberger in dem Buch „Zeit der Zauberer“ nach. Warum lohnt es sich 100 Jahre zurückzuschauen? Was können wir lernen von den Philosophen dieser Dekade? Sind die Denker nur nebeneinander oder gibt es Beziehungen zwischen ihnen? Wer hat wen persönlich gekannt und wie waren die Beziehungen? Es stehen sich gegenüber: Cassirer, ein aus Deutschland fliehender Jude und Heidegger, ein künftiges Mitglied der NSDAP. Der jüdische Industriellensohn aus Berlin trifft auf den katholischen Küstersohn aus dem Schwarzwald.

Walter Benjamin. Er hatte keine akademische Laufbahn im Sinn. Er geriet wie viele nach dem 2. Weltkrieg in materielle Not. Wie kann ich meine Leben bestreiten? Er übersetzte Beaudelair, Proust und schrieb Artikel für bekannte Zeitungen. Das reichte aber nicht aus, um ein gesichertes, regelmäßiges Einkommen zu erzielen. Er hat geheiratet (1917), ist Vater geworden (1918), und wurde Ende Juni 1919 zum Doktor der Philosophie promoviert. Er bezeichnete sich selbst als ein Kritiker, jemand, der gegen den Strom der Zeit schwimmt und in der Kritik an anderen Schriften und Kunstwerken eigene Ideen entwickelt. Erst spät wandte er sich dem Marxismus zu. Durch Theodor W. Adorno lernte er in Frankfurt am Main die Kritische Theorie kennen.

Er liebte die russische Literatur wie Dostojewski, Tolstoi u.a. und unterhielt freundschaftliche Beziehung zu Bertholt Brecht und Gershom Scholem. Durch die Briefkorrespondenz mit beiden, ergeben sich Einblicke in die sozialen und emotionalen Motive des Handelns von Benjamin. Walter Benjamin kannte Martin Heidegger aus der gemeinsamen Studienzeit in den Jahren 1913 und 1914 in Freiburg. Er verfolgte Heideggers universitärer Aufstieg aufmerksam, hielt seine Habilitation für bloße Fleißarbeit. Bereits 1916 setzt sich Benjamin über die Rolle der Sprache in der Erkenntnis in seinem Essay „Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“ auseinander. Darin heisst es: „jede Mitteilung geistiger Inhalte ist Sprache."

In seiner Doktorarbeit »Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik« befasst er sich mit den erkenntnistheoretischen Voraussetzungen in dem Begriff der Kunstkritik und bezieht sich auf Schlegel, Fichte und Novalis. Ein markanter Satz zur Reflexion aus dem Werk: „In diesem Selbstbewusstsein, in dem Anschauung und Denken, Subjekt und Objekt zusammenfallen, ist die Reflexion gebannt, eingefangen und ihrer Endlosigkeit entkleidet, ohne vernichtet zu sein.“ Nach seinem Verständnis ist ein Kunstwerk nie stabil, sondern ändert sich sein Sein und seine Bedeutung im Verlauf der Geschichte.

Sprachwissenschaftlich vertritt Benjamin die Überzeugung, dass das Ziel und die Aufgabe des Menschen als sprechenden Wesen, das Schaffen einer Sprache sein muss, die möglichst viele Aspekte der Welt sprachlich möglichst präzis erfasst und benennt. Er ging nach Moskau, um die politische Bewegung aus der Nähe kennenzulernen. Die lettisch-sowjetische Theaterregisseurin Asja Lacis lernte er auf Capri kennen und beide waren über Jahre in einer Freundschafts- und Liebesbeziehung. Er ließ sich von seiner Frau scheiden. In Südfrankreich hatte er 1940 das Manuskript zu „Über den Begriff der Geschichte“ fertiggestellt. Er übergab es an Hannah Arendt, die wie er auf der Flucht vor den Nationalsozialisten nach USA war.

Er selbst schaffte die Flucht nicht. Seine Papiere waren nicht ausreichend. Er resignierte und nahm sich mit einer Überdosis Morphium das Leben. Ludwig Wittgenstein. Aus reicher Familie, sehr begabt, aber auch schwierig. Er litt oft unter Depressionen. Drei seiner Brüder hatten sich das Leben genommen (1902, 1904, 1918). Wittgenstein war katholisch erzogen. 1908 ging Wittgenstein ins britische Manchester, wo er Ingenieurwissenschaften studierte. Sein Hauptwerk gelang ihm schon früh. Es ist eine Auseinandersetzung mit der Sprache als Mittel der Erkenntnis. Einer seiner Freunde und Lehrmeister war Bertrand Russell, der ihn unterstützte und für eine akademische Laufbahn vorschlug. Sein Werk ist heute noch von Bedeutung.

Im Jahre 1919 ist Wittgenstein mittellos. Er hätte ein Millionenerbe antreten können, schlug dies aber aus. Sein Hauptwerk mit dem Titel „Tractatus logico-philosophicus (Logisch-philosophische Abhandlung) erschien 1921. Sein Anspruch ist es, eine logische Analyse der Sprache und die Klärung von Begriffen vorzunehmen. Bertrand Russell, der an der Cambridge Universität Philosophie lehrte, hielt seinen Studenten für höchst talentiert, bezeichnete ihn als ein Genie. Bekannte Zitate aus Wittgensteins Hauptwerk sind: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt". … Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen." Er wollte nie wieder Philosophie betreiben. Sein Werk Tractatus wurde später als Doktorarbeit anerkannt.

Er beginnt 1924 am Lehrerinstitut an der Wiener Kundmanngasse eine einjährige Ausbildung zum Grundschullehrer. Er versuchte sich 1925 als Dorfschullehrer, was er aber nach eineinhalb Jahren aufgab, nachdem er einen elfjährigen Schüler geschlagen hatte. Im Jahre 1939 wurde Wittgenstein zum Philosophieprofessor in Cambridge berufen; er behielt die Professur bis 1947. Wittgenstein ist schwierig zu verstehen, er bewertet seine Aussagen als unsinnig, doch der Weg zur Erkenntnis soll Sinn ergeben. „Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.“

Martin Heidegger. Er war Schüler von Husserl und strebte eine akademische Laufbahn an. Das gelang ihm über persönliche Beziehungen und taktisches Verhalten. Er gründete früh eine Familie und hatte Schwierigkeiten, der Familie die existentielle Sicherheit zu geben. Er verkauft z.B. sein Haus in Freiburg, um in der Provinz günstiger leben zu können. Sein Hauptwerk ist „Sein und Zeit“. Hannah Arendt war als junge Studentin die Geliebte von Heidegger (in Marburg). Später sagte sie: „er hat keinen Charakter“. Heidegger trat in die NSDAP ein und verlangte Gehorsam gegenüber Hitler, auch in den Universitäten. Er zeichnete sich aus durch antisemitische Äußerungen.

Heidegger konzentriere sich auf ontologische Fragen, Fragen zu dem Sein und zu dem Seienden und Fragen zu dem Dasein, im existentialistischen Sinn. Hier spielen Phänomene als möglichst objektiv und wertfreie erfasste faktische Gegebenheiten und die Beziehung zum Bewusstsein eine Rolle. Der Gegenstand seiner philosophischen Forschung ist das menschliche Dasein als Seins-Charakter. Er übte eine fundamentale Ideologiekritik am modernen Zeitalter der Technik mit der Verdinglichungs- und Verwertungslogik aus. Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische. „Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist."

Die echten Einsichten aber sind nur zu gewinnen durch ehrliche und rückhaltlose Versenkung in die Echtheit des Lebens an sich, letztlich nur durch die Echtheit des persönlichen Lebens selbst. Um die Professorenstelle in Marburg erhalten zu können, verfasst Heidegger 1926 in nur fünf Monaten sein 450-seitiges Hauptwerk „Sein und Zeit". In seiner fundamentalontologischen Herangehensweise spricht Heidegger vom Menschen als „Dasein". Zeitlichkeit ist so zu verstehen, wie sie erlebt wird. Der Tod ist die absolute Grenze. Die drei Begriffe Zeug, Angst und Tod markieren die Philosophie Heideggers. Zeug sind die uns im Besorgen begegnendes Seiendes.

Zeug ist immer eingebettet in praktische Zusammenhänge. Verweisungen und Bedeutungen. Im Gebrauch und in der Funktionalität zeigt sich das eigentliche Sein des Zeugs – die Zuhandenheit. Die Analyse zum Begriff „Zeug“ hilft, die Welt nicht als Ansammlung von Objekten, sondern als sinnhaftes Geflecht von Bedeutungen und Zwecken zu verstehen. Angst: „Sie wirft das Dasein auf das zurück, worum es sich ängstet, sein eigentliches In-der-Welt-sein-können.“ (Seite 187, Sein und Zeit, 11. Auflage, 1967. Tod: „So enthüllt sich der Tod als die eigenste, unbezügliche, unüberholbare Möglichkeit.“ (Seite 250, dito).

Meine Meinung: Heidegger ist stark eingeschränkt in seinem Denken. Er ist verhaftet in seiner katholisch geprägten Existenz. Die Sprache ist oft unklar und manche Aussagen sind unverständlich und ergeben keinen Sinn. Ernst Cassirer. Er war in Berlin Professor, dann in Hamburg. Hier lernte er die Warburger Bibliothek kennen. Er galt als Universalgenie, hatte einen erheblichen Umfang an philosophischer Literatur gelesen und konnte wichtige Textpassagen auswendig rezitieren. Er führte ein „bürgerliches“ Leben, ohne depressive Phasen, ohne gesundheitliche Probleme, ohne Geldsorgen, ohne Ehekrisen. Er strebte nach Ausgeglichenheit, auch politisch, und unterstützte die Weimarer Republik.

Die kantschen Fragen »Was kann ich wissen?« und »Wie soll ich leben?« beschäftigten ihn als Philosoph. Er schätze Goethe und die klassische Literatur. Offene Skepsis empfand er gegenüber Heidegger und des »akademischen Philosophierens«. Spinoza, Descartes, Mill, Hume, Kierkegaard, Nietzsche u.a. waren keine Professoren der Philosophie und sollten im Diskurs nicht ausgeschlossen werden. Er begann 1919 seine Lehrtätigkeit als Philosophieprofessor an der Universität Hamburg mit der Vorlesung zu »Kant und das deutsche Geistesleben«. Er sei ein Denker, der das Versprechen, das seine eigene Philosophie ihm gebiert, in seiner Existenz auch tatsächlich einlöse, schreibt Wolfram Eilenberger.

Sprachphilosophisch erkennt er, „dass die Äußerung nichts Zufälliges, Unwesentliches, Äußerliches ist, sondern dass sie die notwendige, die wahre und die einzige Offenbarung des »Innen« und des Wesens selbst ist.“ Cassirers »Philosophie der symbolischen Formen« betont, dass es weit mehr als nur eine einzige Weise gibt, der Welt, in der wir leben, Struktur, Gestalt und Sinn zu verleihen. Er sieht eine Vielfalt an sich gleichberechtigter Formen von Weltzugängen. Die Verschiedenheit der einzelnen Sprachen sei eine Verschiedenheit von Weltsichten, statt bloßer unterschiedlicher Zeichen. Symbolische Formen sind beispielsweise Sprache Religion, Wissenschaft, Kunst.

Die Freundschaft mit Aby Warburg erhellt den philosophische Horizont Cassirers. Die Warburg Bibliothek teilt die Objekte in vier Abteilungen, die die philosophischen Grundbegriffen widerspiegeln: Orientierung / Bild / Wort / Handlung. Die Bibliothek des Abraham (»Aby«) Moritz Warburg war der wahre Denkort für Cassirer. Cassirer und Heidegger diskutierten in der ‚Davoser Disputation‘, die Zweiten Davoser Hochschulkurse, 17 März bis 6. April 1929, zu der kantische Frage „Was ist der Mensch?, zwei fundamentale Ideen, die sich konträr gegenüberstehen: Demokratie und Liberalismus versus Populismus und Beschränktheit. Politisch zugespitzt: Weltgemeinschaft versus völkische Verengung.

Sehr spät schreibt Cassirer über Heideggers Philosophie: „Eine Geschichtsphilosophie, die in düsteren Prophezeiungen über den Niedergang und die unvermeidliche Zerstörung unserer Zivilisation besteht, und eine Theorie, die in der Geworfenheit des Menschen eines seiner hauptsächlichen Charaktermerkmale sieht, haben alle Hoffnungen auf einen aktiven Anteil am Aufbau und Wiederaufbau des Kulturlebens des Menschen aufgegeben. Eine solche Philosophie verzichtet auf ihre eigenen grundsätzlichen und ethischen Ideale“ Seite 383 in „The Myth of the State“, 1946.

Cassirer wurde 1929 zum Rektor der Universität Hamburg gewählt. 1933 verließ er Deutschland, um der Verfolgung als Jude zu entgehen. Im August 1928 hält er vor dem Senat eine vielbeachtete Rede zur Feier des zehnten Jahrestags der Weimarer Demokratie: „Die Idee der republikanischen Verfassung“. Das Buch von Wolfram Eilenberger ist lesenswert und eine gute Einführung in die Philosophie, da viele Theorien angeführt werden und sich die Argumentationen von der Antike über die Romantik und Aufklärung in die Philosophie des 20. Jahrhundert entwickeln.

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