Die IFA 2026 in Berlin - soviel Zukunft war nie
München [ENA] Das Motto "The future is now" hört sich hierzulande, wo man sich in weiten Teilen von der Zukunft verabschiedet hat, nicht so richtig überzeugend an. Und was die allgegenwärtige KI betrifft, ist man inzwischen sogar in den USA der Meinung, es könne zu viel Zukunft auf einmal geben.
Das Motto hat man sich notabene von den Münchner Medientagen 2023 ausgeliehen, wo es den Journalismusgipfel charakterisierte. Aber natürlich wußte man im angloamerikanischen Sprachraum schon früher, daß die Zukunft schon da sei. Damals, in den 50er Jahren, begann auch der Aufstieg der Futurologie, jenes Metiers, das die Zukunft als gegenwärtig zu schildern pflegte. Als die Haltlosigkeit der meisten Prognosen offenkundig wurde, verschwand das Fach allmählich aus der öffentlichen Wahrnehmung.
"Das bißchen Haushalt macht sich von allein"
Siemens und Bosch machten erstmals ihre langjährige Liaison - als BSH - auch kommunikativ öffentlich und veranstalteten eine gemeinsame Pressekonferenz. Dies war sicher auch Sparzwängen geschuldet, zumal man bei der Produktinnovation einen eher bedächtigen Weg geht. Absehbare Entwicklungen werden fortgeschrieben, mehr Vernetzung, mehr Personalisierung, mehr Sensorik, mehr KI. Geräte erhalten die Möglichkeit zur Selbstdiagnose, was den Wiederverkauf erleichtern soll. Der Kundendienst wird für 20 Jahre sichergestellt und ein Q-Trust-Zertifikat unterstreicht die Vertrauenswürdigkeit des Herstellers. "Ikonisches Design" soll Wertigkeit und Exklusivität ausstrahlen.
Weiter aus dem Fenster lehnte sich Miele mit der Vorgabe "Das Ende der Hausarbeit ist in Sicht". Diese Ankündigung ist keine Marketing-Entgleisung, sondern erstaunlich ernst gemeint. Zwar läßt sich die in der Pressekonferenz modellhaft aufgemachte Rechnung, ein gewöhnlicher Tag im Haushalt erfordere durchschnittlich hundert Entscheidungen und der Einsatz von Miele-Geräten reduziere diese "mentale Last" dramatisch, nicht im Einzelnen nachprüfen und ist zweifellos stark übertrieben.
In weniger begüterten Nicht-Miele-Haushalten gibt es auch sehr viel weniger Optionen, d.h. Mangel macht den Handlungsrahmen mühelos sehr übersichtlich. Aber offenkundig ist die von Miele auf den Begriff gebrachte Strategie unvermeidlich und läuft parallel zu der kognitiven Kuratierung des Menschen, die gerade von der KI in Gang gesetzt wurde und mit agentischen Funktionen weiter an der Substitution des Menschen arbeiten wird.
Unabhängig von der KI erfordert die Evolution technischer Geräte, die zunächst auf Funktionsdifferenzierung abzielt und daraus auch Konkurrenzvorteile zu gewinnen sucht, immer wieder die Zusammenfassung von Funktionen zu Automatiken und Handlungsprogrammen. Siemens hat diesen Verlauf schon vor Jahren als "Simplexity" beschrieben: Komplexität soll und muß wieder in Simplizität, Bedienungserleichterung überführt werden.
Die konkrete Umsetzung der KI-unterstützten Küche nimmt allerdings durchaus peinliche oder erschreckende Züge der Entmündigung an. Schon der Name "Culinary Coach" für die Gastro-KI ist dicht an der Realsatire. Bei Hisense und AEG heißt ein derartiges System "Cooking-Companion". In Wirklichkeit ist es kein Gehilfe oder Gefährte, sondern der heimliche Hausherr. Bei Mieles neuem Geschirrspüler G8 Diamond lautet die Arbeitsplatzbeschreibung "er sieht, denkt und handelt".
Da kennt also der Haushälter weder die Lagerbedingungen seiner Lebensmittel im Kühlschrank noch deren Verwendbarkeit für Speisenfolgen, nicht die Zusammensetzung des Geschirrs und nicht die Textilien für die Waschmaschine. Selbst die digitale Einholung von Kochrezepten gilt schon als Überforderung und muß der KI überantwortet werden, die dann auch die entsprechend hyperkomplexen Geräte, Herd, Backofen, Air Fryer etc. zu steuern hat. Bei Samsung stellte man einen Kühlschrank unter die Überschrift "Integrated Gemini".
Man hat eigentlich keine Ahnung vom Essen mehr, glaubt aber, es zelebrieren zu müssen. Immerhin lassen die Hersteller den Kampf um die letzten Einsparungsprozente bei Strom- und Wasserverbrauch in den Hintergrund treten. Bei Miele wurde gesprächsweise, wie schon bei früherer Gelegenheit, offengelegt, daß die für die angeblich so ökologisch sensible Kundschaft eingebauten Öko-(Spar)Programme nur ganz selten genutzt werden. Die altbekannte Heuchelei des grün angestrichenen Zeitgeistes decouvrierte sich hier wieder einmal.
LG bebildert den vernetzten Haushalt schon länger mit der Metapher des Orchesters und ließ auf der IFA einen Androiden mit Mozart-Perücke (und den Taktstock falsch haltend) das imaginäre Orchester dirigieren. Bei der KI-Implementierung ist man nicht zimperlich, zieht gleich die sozusagen berüchtigte agentische KI Open-Claw heran und nennt die eigene Anpassung ThinkQ Claw. Diese "immersive" oder "kontextsensitive" KI dient - selbstverständlich - dem "gesteigerten Kundennutzen" und ermöglicht "ein persönlicheres und intuitiveres Kundenerlebnis". Dazu gehört die zweifellos erbauliche Erfahrung "mein Kühlschrank redet mit mir". Das Programm also: "Die ansprechende Installation verkörpert LGs Vision eines arbeitsfreien Zuhauses."
Hisenses Strategie "Innovating a brighter life" läuft unvermeidlich ebenfalls auf Entlastung/Entmündigung des Nutzers hinaus, freundlicher formuliert: auf ein kuratiertes Leben, "when home can understand You". Die KI soll auch des Nutzers Absichten und seine Stimmungen erkennen und gewissermaßen vorausschauend handeln. Für ein solches agentisches Smart-Home ist "Emotion recognition" Voraussetzung - und selbstverständlich Vertrauen, wie dem Hersteller durchaus bewußt ist.
Hier wird gewissermaßen ein hochherrschaftlicher Lebensstil früherer Jahrhunderte mit Dienstpersonal, zumal einem Butler, mit technischen Mitteln nachgebildet, vielleicht demokratisiert, wenn es gut läuft. Allerdings wird sich der Nutzer mental auf seinen besserwisserischen oder vorlauten oder penetranten "Companion" einstellen müssen und sich nicht beobachtet fühlen dürfen, denn der Backofen weiß, was er ißt, Kühlschrank und Spülmaschine, wieviel er trinkt, der Saugroboter, wie ordentlich er ist, die Waschmaschine, welche Textilien er bevorzugt trägt usw.




















































